Faksimile Editionen

Die Savoy Hours

Das schönste Fragment der Kunstgeschichte

New Haven, Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library, MS 390

Mit den Savoy Hours verbinden sich die klangvollsten Namen der französischen Bibliophilie, allen voran die des Herzogs von Berry und seines älteren Bruders, des französischen Königs Karl V. Die Savoy Hours stehen am Anfang eines bibliophilen Wettstreits zwischen den beiden Brüdern, dem wir die schönsten Stundenbücher des Mittelalters verdanken. Geschaffen wurde das Stundenbuch in den Jahren 1335–1340 für Blanche von Burgund, die Enkelin des heilig gesprochenen Ludwigs IX. Schon damals muss das Werk dank des Ausstattungsreichtums und der Anzahl künstlerisch hochstehender Miniaturen Aufsehen erregt haben. In den 70er Jahren des 14. Jahrhunderts erwarb der kunstsinnige Karl V. die prachtvollen Savoy Hours und bewahrte sie in seinen Privatgemächern als eines seiner liebsten Bücher auf. Der Sohn Karls V. machte seinem Onkel Jean de Berry schließlich die so heiß ersehnten Savoy Hours 1409 zum Geschenk.

 

Französische Gotik – stilbildend für alle späteren Handschriften

Im 13. und 14. Jahrhundert war Paris das unangefochtene Zentrum der Buchmalerei in Europa. ­Blanche von Burgund, die Enkelin des französischen Königs Ludwig IX. des Heiligen und Witwe des Grafen Eduard von Savoyen, beauftragte in den 30er Jahren des 14. Jahrhunderts das Atelier des berühmten Jean Pucelle mit der Herstellung ihres luxuriösen Stundenbuchs. Das Beste war ihr gerade gut genug.

 

Gotische Eleganz und goldener Glanz in 50 Miniaturen

Grazile schlanke Figuren, von deren eleganter Gestik eine große Leichtigkeit ausgeht, mit feinem Strich gezeichnete Gesichter und harmonische Proportionen machen den Reiz der Miniaturen der Savoy Hours aus. Jede Bildszene spielt vor einem mit Gold geschmückten Hintergrund, seien es kleine Rauten, schwungvolle Ranken, feine Linien oder eine großzügige Fläche. Neben den reinen Dekormotiven entwirft der Buchmaler manchmal auch Landschaftselemente, um die erzählerische Kraft einer Szene zu verstärken. Ein elegantes Band in den Farben Blau, Weiß, Rot umrahmt in Form eines Vierpass’ mit den Spitzen eines Quadrates die Szene. Die über 100 Zierinitialen sind mit dem burgundischen oder savoyardischen Wappen geschmückt, zeigen kleine Gesichter oder Rankenwerk.

 

Glücksfall für die Kunstgeschichte

Es ist ein absoluter Glücksfall für die Kunstgeschichte, dass die Savoy Hours zu einem Teil erhalten geblieben sind. Wie so häufig in der Kunstgeschichte sollte sich ein Diebstahl im nachhinein als günstig auswirken. Im 18. Jahrhundert befand sich die Handschrift im Besitz des Herzogs Viktor Amadeus II. von Savoyen. Der Herzog stiftete 1720 seine Büchersammlung der von ihm begründeten Universitätsbibliothek in Turin. Dem verheerenden Bibliotheksbrand von 1904 fielen auch die Savoy Hours zum Opfer, und man glaubte dieses Meister­werk unwiederbringlich verloren, bis 1910 ein Mönch in der katholischen bischöflichen Bibliothek der Kathedrale von Portsmouth 26 Blätter der Savoy Hours entdeckte. Offenbar waren sie schon zu einem früheren Zeitpunkt entfernt worden und sind auf unbekannten Wegen nach England gelangt.

 

Das Vermächtnis des Bischofs

Der erste Bischof von Portsmouth, John Virtue, hatte die Savoy Hours zusammen mit seiner großen Bücher­sammlung der Diözese gestiftet mit der Auflage, niemals ein Buch der Bibliothek zu veräußern. In Folge der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg musste die Bibliothek jedoch ausgelagert werden. Als ein Londoner Buchhändler Mitte der 60er Jahre den Wert der Savoy Hours erkannte, wurde das Fragment sofort in den Tresor gelegt, der kurze Zeit später aufgebrochen werden sollte. Nun entschieden der Bischof und das Kapitel von Portsmouth die Sammlung zum Wohl der Bücher zu veräußern und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Es muss ihnen ein Anliegen gewesen sein, diesen Schritt, der gegen das Vermächtnis des Bibliotheksstifters verstößt, zu rechtfertigen. Daher wurde das Exlibris aller Bücher der Virtue and Cahill Library wie das der Savoy Hours überstempelt – spannendes Zeugnis der jüngeren Bibliotheksgeschichte, das einmal mehr beweist, dass »Bücher ihre Schicksale haben«. Noch viele weitere interessante Details erfahren Sie im Kommentarband zur Faksimile-Edition.

Die Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University in New Haven (USA) ist eines der weltweit größten Archive seltener Bücher und ­Manuskripte. Die Bibliothek wurde der renommierten Yale University im Jahre 1963 von der Familie Beinecke geschenkt. 1969 konnte das kostbare Fragment der Savoy Hours für die Bibliothek erworben werden.

 


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