Editionen

Die Flämische Bilderchronik Philipps des Schönen

Ein Bilderbuch der burgundischen Geschichte

London, British Library, Yates Thompson MS 32


Lektionen zur eigenen Geschichte in prächtigen Bildern aus der Gent-Brügger Schule

Eine ganz außergewöhnliche Bilderchronik wurde um 1485/86 in Brügge für den erst siebenjährigen Philipp, den Erben des Hauses Burgund, geschaffen: Die Flämische Bilderchronik Philipps des Schönen ist mit 11 großformatigen Miniaturen auf 15 Blatt im Format 23 × 17 cm reich geschmückt.

Die detailreichen Bilder illustrieren ein Lehr- und Lesebuch zur burgundischen Geschichte, geschaffen für den späteren Herrscher der Burgunderdynastie. Historische Ereignisse finden sich in der Handschrift ebenso wie Stadtansichten, Naturidyllen und höfische Szenen. Der Text ist kurz gehalten – über das Bild sollte das Kind die Bedeutung seiner Dynastie kennenlernen und verinnerlichen.

 

1477 und 1482 – Schicksalsjahre für Burgund

Das in nur einem Jahrhundert zielstrebig aufgebaute Herzogtum Burgund fand mit dem Tod des Herzogs Karl des Kühnen 1477 bei Nancy ein jähes Ende. Ludwig XI. von Frankreich fiel sofort in die burgundischen Länder ein; die wirtschaftlich mächtigen und selbstbewussten Städte Flanderns begehrten auf. Um das Schlimmste zu verhüten, heiratete Karls Tochter Maria von Burgund nur drei Monate nach dem Tod ihres Vaters den Sohn des Kaisers, Maximilian von Habsburg.

Am 22. Juni 1478 kam in Brügge der gemeinsame Sohn Philipp zur Welt. Der plötzliche Unfalltod Marias 1482 bedeutete nicht nur privat einen schweren Schlag für Maximilian. Die Stände der flandrischen Territorien weigerten sich, ihn als vormundschaftlichen Regenten für seinen Sohn Philipp anzuerkennen, es kam zur offenen Rebellion in Gent und Brügge. 1485 brachte Maximilian Philipp nach Mecheln, wo ihn seine Großmutter Margarete von York erzog.

 

Große Rarität: Handschriften für Kinder

Vor diesem stürmischen Hintergrund spielt die Bilderchronik mit den berühmten burgundischen Vorfahren eine besondere Rolle: von klein auf sollte Philipp europäische Geschichte als Geschichte eines über tausendjährigen Hauses Burgund begreifen.

Die Flämische Bilderchronik Philipps des Schönen ist eine große Rarität: zum einen ihrer kostbaren Ausstattung wegen, zum anderen ist kaum ein Handschriftentyp so selten überliefert wie das »Kinderbuch«. Selbst für Kinder aus dem Adel wurden nur sehr selten eigene Handschriften gefertigt.

 

Mythos Burgund – Die Geschichte einer Dynastie für Kinderaugen

Der Schriftsteller Olivier de la Marche war der Lehrer des jungen Philipp. Möglicherweise war er sogar der Auftraggeber dieser nach seinem Schützling benannten Flämischen Bilderchronik Philipps des Schönen. Wie hätte er seinem Schüler die historischen Ereignisse und vor allem deren freie Interpretation durch die burgundische Geschichtsschreibung besser nahebringen können als mit diesem großzügig illustrierten Buch? Mit den detailreichen und farbenfrohen Miniaturen konnte sich der junge Philipp für Geschichte begeistern und seine Lektionen leichter lernen.

Wie einst der junge Philipp der Schöne steht der heutige Betrachter und Leser der Flämischen Bilderchronik staunend vor einem atemberaubenden geschichtlichen Panorama, das einen Bogen vom Jahr 14 n. Chr. bis in die Zeit kurz nach 1482 schlägt: Maria Magdalena, die den ersten burgundischen König getauft haben soll, der hl. Mauritius, der legendäre Ritter Girart de Roussillon, Bernhard von Clairvaux, Kaiser Friedrich Barbarossa, die burgundischen Herzöge seit Philipp dem Kühnen – viel Stoff für einen Siebenjährigen.

 

Die Gent-Brügger Schule – letzte Hochblüte der Buchmalerei

Viele berühmte Tafelmaler und Buchmaler arbeiteten in den reichen flandrischen Handelsstädten. Dieser Konzentration von hochbegabten Malern verdankt Brügge zusammen mit Gent in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts seinen Aufstieg zum Zentrum der europäischen Buchmalerei. Die künstlerische Vorherrschaft der beiden Städte ist so unbestritten, dass man in der Buchmalerei von der Gent-Brügger Schule spricht.

In diesem kreativen Umfeld, in dem sich die Künstler gegenseitig zu übertreffen suchten, unterhielt auch der sogenannte Meister Edwards IV. eine florierende Werkstatt. In seinem Atelier schuf ein Mitarbeiter die phantasievollen Miniaturen und Bordüren der reich illustrierten Flämischen Bilderchronik Philipps des Schönen – kein Aufwand war zu groß für den späteren Herrscher.

 

 

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Die Flämische Bilderchronik Philipps des Schönen im Überblick

London, The British Library, Yates Thompson MS 32

Entstehungszeit: 1485/1486
Entstehungsort: Brügge
Format: ca. 23 × 17 cm
Umfang: 30 Seiten (15 Blatt)
Inhalt: Geschichts- und Lesebuch
Sprache: Altfranzösisch
Künstler: Assistent des Meisters Edwards IV.


Provenienz: 1865 wird Ambroise Firmin Didot, einem der berühmtesten französischen Handschriftensammler des 19. Jahrhunderts, die Handschrift zum Kauf angeboten. Der Vorbesitzer hätte sie hinter einem Regal in einem Haus in Dijon gefunden. Nach Didot’s Tod wird seine großartige Sammlung versteigert. Ein Pariser Antiquar erwirbt die Flämische Bilderchronik und verkauft sie im April 1898 an den englischen Zeitungsbesitzer Henri Yates Thompson. Nach dem Tod seiner Frau 1941 gelangt die Flämische Bilderchronik als Teil einer großzügigen Schenkung in die British Library.


Die Faksimile-Edition der Flämischen Bilderchronik Philipps des Schönen erscheint im Spätsommer 2015 im Quaternio Verlag Luzern.