Die Fibel der Claude de France

Ein königliches Lesebuch in goldenen Bildern

Cambridge, Fitzwilliam Museum, MS 159


Prachtvolles Lesebuch für die künftige Königin Frankreichs

In der erlesenen Kunstsammlung des Fitzwilliam-Museums in Cambridge wird unter der Signatur MS 159 ein besonderer Schatz gehütet: die Fibel der Claude de France. Goldene Architekturbordüren rahmen 36 Miniaturen, 12 Zierfelder mit christlichen und floralen Motiven, mit Putten oder Fabelwesen, und zwei ganzseitige Vollbilder auf 20 Seiten im Format von 26 × 17,5 cm. Insgesamt 22 ein-, zwei- und dreizeilige Initialen auf Goldgrund und goldene Zeilenfüller, beide mit Blumenmotiven geschmückt, gliedern die Texte der wichtigsten christlichen Gebete.

 

Höchste Rarität: Handschriften für Kinder

Kaum ein Handschriftentyp ist so selten wie das mittelalterliche Lese- und Kinderbuch. Die Kinder von Königen, Adligen und Wohlhabenden haben in der Regel aus Psalterien und Stundenbüchern lesen und beten gelernt. Die Bilderzyklen haben sie dabei mit den biblischen Geschichten vertraut gemacht, die Psalmen und Gebete mit den Texten, die sie für ihre tägliche Andacht benötigten. Nur sehr wenige Handschriften sind überliefert, die eigens für Kinder hergestellt wurden, oder regelrecht als Fibel, also ABC-Bücher, bezeichnet werden können.

 

Ein Kinderbuch aus der Hand eines italienischen Universalkünstlers am französischen Hof

Die französische Königin und hochgebildete Anne de Bretagne ließ um 1505 für ihre erste und zur damaligen Zeit einzige Tochter Claude (1499–1524), die künftige Königin Frankreichs, eine Fibel herstellen, mit der die kleine Prinzessin lesen und beten lernen sollte. Anne stellte das Bildprogramm zusammen und beauftragte den aus Italien stammenden Hofmaler und Bildhauer Guido Mazzoni aus Modena mit der künstlerischen Umsetzung.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird die französische Kultur zunehmend von den Ideen der italienischen Renaissance geprägt. Am französischen Hof, der unter Anne de Bretagne und ihrem zweiten Mann Ludwig XII. zumeist an der Loire residierte, arbeitete eine ganze Gruppe italienischer Künstler. Einer von ihnen war Guido Mazzoni aus Modena (1445–1518), der für sein Talent als Bildhauer, Maler und Buchmaler hoch geschätzt wurde.

 

Phantasievolle Architekturbordüren in leuchtendem Gold

Die prächtigen Architekturbordüren aus ungewöhnlich leuchtendem Pinselgold verraten Mazzonis an Architektur und Skulptur geschultes Künstlerauge. Auf allen Seiten geben die überreich verzierten Säulen, Kapitelle und Basen dem Geschehen in den Miniaturen eine dekorative Rahmung. Der phantasievollen Architektur-Ornamentik, die Mazzoni mit feinsten schwarzen Pinselstrichen aus dem goldenen Untergrund hervorzaubert, sind keine Grenzen gesetzt. Zusätzlich hat er überall Zierfelder für filigrane Blumenranken, Vögel und kleine Bildszenen mit herumtollenden Putten geschaffen.

 

Bildbordüren von der Schöpfung bis zur Geburt Jesu

Die 36 Miniaturen setzen sich zu einer gemeinsamen langen Erzählung zusammen, die die Geschehnisse von der Schöpfungsgeschichte über den Sündenfall bis zu Adams Tod umfasst und dazu die Heilsgeschichte bis zur Geburt Jesu in Beziehung setzt. Einblicke in Renaissancepaläste wechseln ab mit Stadtansichten und Szenen in der lichtdurchfluteten Natur. Die Farbe wirkt oft geradezu durchsichtig; so sind die Landschaften mit ihren blau-grünen Hügeln in lebendigem Pinselstrich gestaltet, der dem Rhythmus des mit sicherer Hand arbeitenden Künstlers folgt. Der Eindruck erinnert an die unbeschwerte Leichtheit von Aquarellbildern. Die Transparenz der Landschaften im Hintergrund lässt die Figuren dann umso prächtiger hervortreten.

Zwei ganzseitige Vollbilder, am Beginn und am Ende der Fibel, zeigen einmal die Mutter Anne de Bretagne und einmal ihre Tochter Claude, jeweils mit ihren Namenspatronen Anna und Claudius.

 

Claude de France lernt lesen

Das Format der Fibel und die große, klare Textualis-Schrift legen nahe, dass die sechsjährige Claude ihre Fibel selbst benutzen und in die Hand nehmen sollte. Sie beginnt mit einem Alphabet, das zum Teil Varianten ein und desselben Buchstabens zeigt. Im Anschluss an das Alphabet folgt eine grundlegende Auswahl von lateinischen Gebeten, die im Mittelalter ein jedes Kind auswendig zu lernen hatte: das Vaterunser, das Ave Maria, das Apostolische Glaubensbekenntnis, Danksagungen vor und nach den Mahlzeiten, das Schuldbekenntnis sowie die wichtigsten Gebete für die Messe.

 

Kleinod einer berühmten Sammlung

Claude hielt ihre Fibel in Ehren, wahrscheinlich hat auch eines ihrer eigenen Kinder wiederum aus der bezaubernden Handschrift lesen gelernt. Doch verliert sich dann die Spur der Fibel der Claude de France im Dunkel der Geschichte. Erst im 18. Jahrhundert taucht sie in einer englischen Privatsammlung wieder auf, in der sie ihren heutigen Einband aus rotbraunem Leder mit aufgeklebtem Titelschild erhielt. Im Jahr 1808 erwarb Richard, siebter Viscount Fitzwilliam of Merrion (1745–1816), die Handschrift. Der irische Wohltäter und Musik-Antiquar vermachte seine umfangreiche Kunstsammlung und Bibliothek der Universität Cambridge, wo ein eigenes Museum dafür eingerichtet wurde.

 

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Die Fibel der Claude de France im Überblick

Cambridge, Fitzwilliam Museum,
MS 159

Entstehungszeit: 1505
Entstehungsort: Romorantin (Loire)
Format: ca. 26 × 17,5 cm
Umfang: 20 Seiten
Inhalt: Grundlegende Gebete
Sprache: Latein und Altfranzösisch
Künstler: Guido Mazzoni

Auftraggeber: Anne de Bretagne, Königin von Frankreich und Mutter der Claude de France

Geschichte: Im Jahr 1808 wird die Fibel von Richard, 7. Viscount Fitzwilliam of Merrion, aus einer englischen Privatsammlung gekauft. 1816 stiftet er es seinem neu gegründeten Museum in der Universität Cambridge.


Die Faksimile-Edition der Fibel der Claude de France ist 2012 im Quaternio Verlag Luzern erschienen und ist lieferbar.

Preis auf Anfrage.