Editionen

Der Pariser Alexanderroman

Eine Reise in ferne Welten in Bildern der Gotik

London, The British Library, MS Royal 20 B XX


Gotische Pracht für historische Ereignisse und phantasievolle Abenteuer

Alexander der Große schrieb Weltgeschichte, als er im Jahre 334 vor Christus von Europa nach Asien übersetzte. Seine Ausstrahlung in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit ist in Europa ebenso wie im Orient beispiellos. Mit dem Pariser Alexanderroman entstand um 1420/25 in Paris eine ganz besonders reich illustrierte Handschrift der packenden Alexandervita. 86 goldgerahmte Miniaturen schmücken beinahe jedes Blatt der Handschrift. Sie erzählen in der ganzen Schönheit der gotischen Bildersprache von Alexanders mythischer Abkunft, seinem Unterricht bei Aristoteles, berichten von den berühmten Schlachten gegen den Perserkönig Darius und malen in phantasievollen Bildern Alexanders abenteuerreichen Zug bis nach Indien.

Von über 100 mehrzeiligen goldenen Initialen geht üppiges goldblitzendes Dornblattdekor aus, das die Miniaturen großzügig umgibt. Mit insgesamt 97 Blättern im Format von 28,4 × 19,5 cm hat der Buchmaler, der nach diesem Meisterwerk benannte »Alexandermeister«, ein Bilderbuch voll dramatischer und wundersamer Illustrationen geschaffen, das seine Leser und Betrachter heute wie vor 600 Jahren in Bann zieht.

 

Farbenfrohe Miniaturen voller Phantasie und Originalität

Landschaften, Innenräume, Stadtansichten, Ritter im Kampf und höfisches Leben, Tiere und Fabelwesen – die durchgehende Illustrierung der vielen spannenden Episoden aus dem Leben Alexanders des Großen bot dem Alexandermeister die einmalige Gelegenheit, sein schöpferisches Talent in den farbenfrohen Miniaturen auszuleben. Die wunderbar naturalistisch gelungene Wiedergabe der Pferde und die detailreiche Ausarbeitung der kostbar geschmückten Gewänder und Rüstungen zeigen das Können und die Sorgfalt des Buchmalers. Großen Wert legt er auch auf die individuelle und feine Gestaltung der Gesichter und auf eine beredte Körpersprache. Mit einem sicheren Gespür für dramatische Darstellungen und einer reichen Imaginationsgabe illustriert er die Geschichte Alexanders – desjenigen antiken Helden, der dem europäischen Mittelalter als vorbildlicher Ritter und Herrscher galt.

 

Der Alexanderroman: Weltliteratur des Mittelalters

Aus allerlei volkstümlichen antiken Wunder- und Schauergeschichten rund um Alexander war bis im 3. Jh. n. Chr., also gut 500 Jahre nach Alexanders Tod, der griechische Alexanderroman hervorgegangen, der in zahlreichen Übersetzungen und volkssprachlichen Nachdichtungen des Mittelalters überliefert wurde. Tatsächlich ist er das vor Gutenberg am meisten gelesene, bebilderte säkulare Buch der Weltliteratur! Zweifelsohne ist der Pariser Alexanderroman eine der prachtvollsten Alexander-Handschriften des ganzen Mittelalters.

 

Alexander der Große – ritterliche Identifikationsfigur

Die reiche Alexanderliteratur und zahllose Werke der bildenden Kunst des europäischen Mittelalters verknüpften Alexander aufs Engste mit der eigenen höfischen Kultur. Alexander verkörperte alle ritterlichen Tugenden in Vollendung, und wer ihm nacheiferte, genoss höchstes Prestige. Daher wurden die Alexanderromane gerne in der Erziehung junger Prinzen als vorbildliches Beispiel eingesetzt. Möglicherweise hatte auch der Pariser Alexanderroman einen noch jugendlichen Empfänger. Die hohe Anzahl von 86 Miniaturen, das handliche Format, die lesefreundliche Anordnung der Miniaturen zumeist oben auf der Seite und das in Text und Bild ausgestaltete Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Alexander und Aristoteles könnten Indizien dafür sein.

 

Aus dem Besitz des englischen Königs Heinrich VIII.

Der Auftraggeber der so reich ausgestatteten Bilderhandschrift bleibt vorläufig unbekannt. Doch hatte sie im 16. Jahrhundert einen berühmten Besitzer, der sie äußerst geschätzt haben muss: Das handschriftliche Monogramm »HR« auf dem Vorsatzblatt steht für Henricus rex, also für den englischen König Heinrich VIII. 1757 stiftete König Georg II. die Old Royal Library dem British Museum. Aus dessen Bibliothek ging die British Library hervor, in der seither der kostbare Pariser Alexanderroman unter der Signatur MS Royal 20 B XX bewahrt wird.

 

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Der Pariser Alexanderroman, fol. 19v/20r

Der Pariser Alexanderroman im Überblick

London, The British Library,
MS Royal 20 B XX

Entstehungszeit: ca. 1420/25
Entstehungsort: Paris
Format: ca. 28,4 × 19,5 cm
Umfang: 194 Seiten (97 Blatt)
Inhalt: Roman
Sprache: Altfranzösisch
Künstler: Alexandermeister


Geschichte: Im 16. Jh. befindet sich die Handschrift in der Old Royal Library der englischen Könige. Das Monogramm »HR« deutet auf den Besitzer Heinrich VIII. Im Jahr 1757 stiftete der englische König Georg II. die alte königliche Bibliothek dem British Museum. Aus der Museumsbibliothek ging später die British Library hervor.


Die Faksimile-Edition des Pariser Alexanderromans ist im Sommer 2014 im Quaternio Verlag Luzern erschienen und ist lieferbar.

Preis auf Anfrage.