Editionen

Der Goldene Münchner Psalter –

Der reichste Bilderzyklus aus Englands Mittelalter

München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 835


Die Pracht einer Bilderbibel: 236 Szenen zum Alten und Neuen Testament auf leuchtendem Goldgrund

In dem in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrten Goldenen Münchner Psalter offenbart sich ein außerordentlicher Reichtum, der selbst im Vergleich zu anderen Prachtpsalterien ungewöhnlich ist. Mit 91 ganzseitigen Miniaturen vor leuchtendem Goldgrund ist der 169 Blatt zählende Psalter im Format von ca. 28 × 19,5 cm im Reichtum der Bildausstattung unübertroffen. Bilderzyklen von einmaliger Ausführlichkeit illustrieren die Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament und machen diesen Psalter zu einer wahren Bilderbibel. Der Kalender zu Beginn ist mit 24 Bildmedaillons geschmückt. Initialzierseiten, historisierte oder ornamentierte, farbige und goldene Initialen und farbiger Zeilenschmuck auf allen Seiten runden den opulenten Eindruck ab.

Der Goldene Münchner Psalter ist vermutlich das Werk dreier Meister aus Oxford vom Beginn des 13. Jahrhunderts. Er besticht nicht nur durch seinen Reichtum, sondern auch durch neue künstlerische Ausdrucksformen am Übergang von der Romanik zur Gotik.


Der Psalter: Gebetbuch für die private Andacht und mittelalterlicher »Bestseller«

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts manifestierte sich bei der gebildeten Oberschicht der Wunsch nach Büchern zur privaten Andacht. Aufgrund des überschaubaren Textumfangs eines Psalters und dessen täglicher Verwendung im Gottesdienst erfreuten sich die darin zusammengestellten 150 Psalmen, also Gebete und Gesänge, rasch wachsender Beliebtheit. Die Verbreitung der Psalterien stieg in dieser Zeit in England und Nordfrankreich geradezu sprunghaft an. Erst im 14. Jahrhundert sollte der Psalter vom Stundenbuch in seiner Beliebtheit abgelöst werden.

Knapp die Hälfte der 150 Psalmen wird König David (um 1000 v. Chr.) zugeschrieben. Sie erzählen keine in sich geschlossene fortlaufende Geschichte. Als Texte für den Gebetsgebrauch bestehen sie vielmehr aus Anrufungen Gottes, die in einer starken bildhaften Sprache universale Themen wie Lobpreis Gottes, Dank, Bitte, Klage und Reue ausdrücken. Heute noch sind die Psalmen täglicher Bestandteil der Liturgie bei allen christlichen Konfessionen und in der jüdischen Synagoge.

»Wir verfolgen voller Neugier und Enthusiasmus das Entstehen des Faksimiles unseres Englischen Psalters (Clm 835), der in der Faksimile-Edition so passend Goldener Münchner Psalter genannt wird. Schon die Andrucke sind von exzellenter Qualität. Die höchste Sorgfalt und optimalen Sach­kenntnisse, die in diese Ausgabe investiert werden, verheißen ein prachtvolles, dem hochwertigen und einmaligen Original angemessenes Kunstwerk, das dann die zeitlosen Texte des lateinischen Psalters mit seinen Illuminierungen vielen zugänglich macht. Wir freuen uns auf das Erscheinen dieser Ausgabe um Ostern 2011.
Zu gleicher Zeit werden wir in der Bayerischen Staatsbibliothek eine Schatzkammer-Ausstellung mit diesem und anderen schönen mittelalterlichen Psaltern präsentieren.«

Dr. Claudia Fabian
Leiterin der Abteilung Handschriften und Alte Drucke in der Bayerischen Staatsbibliothek

 

Außergewöhnliche Bilderzyklen: Von der Schöpfung bis zum Jüngsten Tag

Das markanteste Merkmal des Goldenen Münchner Psalters sind die ungewöhnlich ausführlichen und immer wieder ineinander verwobenen Bilderzyklen zum Alten und Neuen Testament. Im Unterschied zu anderen Psalterhandschriften ist die Miniaturenfolge nicht am Buchanfang konzentriert, sondern verteilt sich gleichmäßig auf die mit Initialen geschmückten Textseiten.

An den Kalender schließen sich 27 Seiten mit ganzseitigen Miniaturen an zur Genesis, zur Josephsgeschichte, zum Auszug aus Ägypten bis zum Fall Jerichos. Der Zyklus zum Neuen Testament bietet in 19 Bildern zum Leben Jesu die traditionelle Abfolge von Verkündigung, Geburt, Flucht, Einzug, Passion, Tod, Auferstehung und Pfingsten, abschließend mit dem Jüngsten Gericht und der Darstellung der Höllenqualen.

Nach Psalm 51 folgt eine zweite neutestamentliche Sequenz, die auf 16 Seiten verschiedene Wunder Jesu illustriert. Nach weiteren Psalmen kommen 16 ganzseitige Illustrationen zu den alttestamentlichen Büchern Ruth, Judith und Esther sowie mehrere Seiten mit Szenen aus dem Leben Davids. Fünf Miniaturen, in denen die Völker der Erde und die gesamte Schöpfung den Lobpreis Gottes anstimmen, sind direkte Illustrationen der letzten drei Psalmen. Ein ganzseitiges Autorenportrait von König David mit der Harfe und weitere Szenen aus seinem Leben beschließen den letzten Zyklus.

 

Vielfältiger goldener Schmuck aus ornamentierten und historisierten Initialen

Der erste Psalm wird mit einer ganzseitigen goldenen Prachtinitiale eingeleitet. Daneben gibt es zehn beinahe halbseitige Zierinitialen aus schwungvollen, ineinander verflochtenen mehrfarbigen oder goldenen Bändern – manchmal auch aus langgezogenen Leibern von Drachen – mit vegetabilen Ausläufern. Die sich daran anschließenden Anfangsworte stehen in Goldschrift auf farbigem Grund. Rund 180 mehrzeilige Initialen, teils historisiert, teils ornamentiert, gliedern die Psalmen und zusätzlichen Gebetstexte. Dabei sind der überbordenden gestalterischen Phantasie kaum Grenzen gesetzt.


Am Übergang von der Romanik zur Gotik: Aufbruch zu neuen Formen künstlerischen Ausdrucks

Die Jahre zwischen 1180 und 1220 werden in der englischen Buchmalerei mit dem Begriff »Transitional Style«, Übergangsstil, charakterisiert. Am Ausgang der Romanik suchen die Künstler neue Formen des bildnerischen Ausdrucks, doch noch kann man nicht von früher Gotik sprechen. Vielmehr wird der heutige Betrachter des Goldenen Münchner Psalters Zeuge von genau jenem spannenden Moment des Übergangs von einer Epoche zur anderen, an dem noch alles in Bewegung ist und mit jeder Miniatur Neues ausprobiert wird.

 

Größere Einfachheit und Naturnähe – Neue Wege der Figurengestaltung

Die Abkehr von den Bildformeln der romanischen Kunst geschieht zuerst in der figürlichen Darstellung. Eine Beruhigung der stark expressiven Kompositionen tritt ein. Die Kenntnis von der exakten Wiedergabe des menschlichen Körpers ist freilich noch gering, doch geht das Bemühen der Künstler dahin, den Figuren eine gewisse Stofflichkeit zu verleihen und auf richtige Proportionen zu achten, ohne Übertreibung der Haltung oder Gebärde. Auf der Suche nach einem natürlicheren Faltenwurf und fließenden Gewändern wird die Schattierung malerischer und sanft von Farbe zu Farbe abgestuft. Großer Wert wird auf sorgfältig modellierte Gesichter gelegt. Insgesamt gelingt es den Künstlern, die menschlichen Figuren näher an der Wirklichkeit darzustellen.

 

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Einband

Der Goldene Münchner Psalter im Überblick

München, Bayerische Staatsbibliothek,
Clm 835

Entstehungszeit: 1200/1210
Entstehungsort: Oxford (?)
Format: ca. 28 × 19,5 cm
Umfang: 338 Seiten (169 Blatt)
Inhalt: Psalter
Sprache: Latein
Künstler: Drei Meister einer Oxforder Werkstatt

Auftraggeber: unbekannt; vermutlich eine ranghohe weltliche Dame

Geschichte: Es ist unbekannt, wann der Psalter England verlassen hat, vermutlich aber bereits vor den Klosteraufhebungen unter Heinrich VIII. (ab 1538). Das Exlibris von Herzog Maximilian I. von Bayern (1573–1651) weist die Handschrift im Bestand der Münchner Hofbibliothek nach.


Die Faksimile-Edition des Goldenen Münchner Psalters ist im Frühjahr 2011 im Quaternio Verlag Luzern erschienen und ist lieferbar.