Editionen

Der Codex Gisle

Das Goldene Graduale der Gisela von Kerssenbrock

Osnabrück, Bistumsarchiv


Entdeckung im Bistumsarchiv Osnabrück

Im Bistumsarchiv Osnabrück hat der Quaternio Verlag Luzern ein ungewöhnlich prachtvolles Graduale entdeckt, das die Zisterzienserin Gisela von Kerssenbrock um 1300 geschrieben, illuminiert und ihrem eigenen Konvent Marienbrunn in Rulle bei Osnabrück gestiftet hat. Nach ihr trägt die Prachthandschrift den Namen »Codex Gisle«. Das Graduale verzeichnet die Gesänge der täglich gefeierten Messe.

Die außerordentliche Qualität dieser Bilderhandschrift beruht gleichermaßen auf dem Reichtum der Ausstattung und der Eleganz der zu wahren Miniaturen ausgeschmückten Initialen. Großzügig ist strahlend poliertes Gold als Hintergrund von Initialen und Medaillons und als Auszeichnungsschrift verwendet worden. Die hohe Anzahl von 53 historisierten Initialen ist wohl einzigartig für ein gotisches Graduale. Auf 172 Blatt im Format von 35,5 × 26 cm verteilen sich die Illustrationen zum Weihnachts- und Osterfestkreis.

»Der Codex Gisle ist ein herausragendes Zeugnis deutscher Buchmalerei der Gotik und in unserem Raum geradezu einzigartig. Er führt uns höchste Ansprüche klösterlichen Gesanges durch seine kostbaren Initialen anschaulich vor Augen und führt uns – nicht zuletzt durch die Abbildung der Zisterzienserinnen und ihrer Mitschwester Gisle – in die Welt der spätmittelalterlichen Klöster.
Die Faksimilierung durch den Quaternio Verlag Luzern hebt diesen großen Schatz und stellt ihn in die erste Reihe europäischer Kunstwerke.«

Hermann Queckenstedt,
Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück

 

Gisle – eine adlige Künstlerin und Stifterin nennt sich selbst

Höchst selten sind uns Künstler- oder Schreibernamen aus dieser frühen Zeit der Buchmalerei überliefert. Im Codex Gisle finden sich dagegen gleich mehrmals sorgfältige Darstellungen von Nonnen in ihrer Ordenstracht. Mit roter Tinte ist zweimal eine von ihnen als »Gisle« benannt.

Gisela entstammte dem ostwestfälischen Adelsgeschlecht von Kerssenbrock, das in der Osnabrücker Geschichte eine wichtige Rolle spielte. Sie war die Vorsängerin (Cantrix) der Klostergemeinschaft und bekleidete damit eines der wichtigsten Ämter im Konvent: Sie organisierte Chor und Solistinnen, wählte mehrmals am Tag die korrekten Stücke für Chorgebet und Messe und unterwies ihre Mitschwestern im Gesang. Nur sie durfte die Chor- und Messbücher aus dem Schrank nehmen und wieder zurücklegen, sie überwachte Bibliothek und Schreibstube und war für die Herstellung der Musikhandschriften verantwortlich.

 

Die ganze Vielfalt prächtiger Initialen

Der Bildschmuck in einem Graduale ist den Initialen vorbehalten. Mit 53 Bild-Initialen (historisierte Initialen) übertrifft der Codex Gisle um mehr als das Doppelte die rund 15–20 Initialen, die in den Gradualen der Zeit üblich waren – eine wirkliche Prachthandschrift der deutschen Gotik.

Es werden die wichtigsten Stationen aus dem Leben Jesu illustriert. Manche der 53 miniaturengleichen Zierbuchstaben für die wichtigen Feste erstrecken sich im Codex Gisle fast über die ganze Seite. Dank der sensiblen Zeichen- und Malkunst der Gisela wirken die Bilder in ihrer Unbefangenheit als authentischer Ausdruck tief empfundenen Glaubens. An der Buchstabengröße und dem Reichtum der Ausstattung mit Rankenwerk, Medaillons und Goldschrift lässt sich die Bedeutung des jeweiligen Gesangs ablesen.

Dazu kommen 15 effektvolle blau-goldene Initialen auf rotem Fleuronnée, über 200 kleinere goldene Initialen auf blauem oder rotem Grund mit weißer Binnenzeichnung sowie einzeilige verschiedenfarbige Initialen – ein Fest nicht nur für die Stimme, sondern auch für das Auge!

 

Das Graduale: täglich gesungenes Gotteslob

Die Gesänge des Codex Gisle sind gregorianische Gesänge. Darunter versteht man den einstimmigen, ursprünglich unbegleiteten Gesang der römisch-katholischen Kirche in latenischer Sprache. Das gesungene Wort Gottes ist ein wesentlicher Bestandteil der liturgischen Handlung und zentrales Element in der täglichen Liturgie der Ordensgemeinschaften. Mit »Graduale« wird seit dem 12. Jahrhundert das Choralbuch bezeichnet, das alle Gesänge der Messe im Ablauf des Kirchenjahres enthält, die nicht vom Priester auszuführen sind. Dazu gehören Gesänge zum Einzug in die Kirche (Introitus), zur Abendmahlsbereitung, zur Kommunion, Hallelujarufe etc.

Der Standardbestand von rund 650 Gesängen ist im Codex Gisle auf mehr als das Doppelte erweitert: rund 1500 Gesänge sind abgekürzt oder vollständig wiedergegeben! Sie sind in der sog. Hufnagelnotation niedergeschrieben, einer deutschen Ausprägung der Neumenschrift.

 

Das erste Zisterzienserinnenkloster im Bistum Osnabrück

Das bereits seit der Karolingerzeit bestehende Bistum Osnabrück erlebte im 13. Jahrhundert eine wirtschaftliche Blüte. In den Jahren 1246/47 bezog ein kleiner, nach zisterziensischer Gewohnheit lebender Frauenkonvent sein neu gegründetes Kloster Marienbrunn in Rulle nördlich von Osnabrück. Ein Dienstmann des Bischofs von Osnabrück hatte es für sein eigenes Seelenheil gestiftet. Damit wurde Marienbrunn das erste der 25 westfälischen Frauenklöster des Zisterzienserordens, die im 13. Jahrhundert gegründet wurden. Erst 1802 wurde das Kloster aufgehoben.

Während sicher 500 Jahren haben die Schwestern in Rulle aus dem Goldenen Graduale der Gisela von Kerssenbrock gesungen. Bei der Aufhebung des Klosters während der Säkularisation gelangte die kostbare Handschrift in den Besitz des Osnabrücker Weihbischofs Karl Klemens von Gruben. Heute wird der Codex Gisle im Bistumsarchiv Osnabrück aufbewahrt.

 

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Das Stundenbuch der Margarete von Orléans, fol. 136v/137r

Der Codex Gisle im Überblick

Osnabrück, Bistumsarchiv

Entstehungszeit: ca. 1300
Entstehungsort: Kloster Rulle (Osnabrück)
Format: ca. 35,5 × 26 cm
Umfang: 344 Seiten (172 Blatt)
Inhalt: Graduale
Sprache: Latein
Künstler: Gisela von Kerssenbrock


Geschichte: Für rund 500 Jahre bleibt das Graduale im Gebrauch der Schwestern von Rulle. Bei der Aufhebung des Klosters während der Säkularisation 1802 kommt die kostbare Handschrift in den Besitz des Weihbischofs Karl Klemens von Gruben. Heute wird sie im Bistumsarchiv Osnabrück als besonderer Schatz aufbewahrt.


Die Faksimile-Edition des Codex Gisle ist im Winter 2014 im Quaternio Verlag Luzern erschienen und ist lieferbar.

Preis auf Anfrage.